Das Ökosystem-Denken ist der grösste Wandel im Finance-Tech seit 10 Jahren

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Vor zehn Jahren haben wir im Finance noch ernsthaft von „Integration“ gesprochen, wenn zwei Systeme einmal pro Nacht Daten austauschten. Heute ist genau dieses Denken das Problem.

Ich bin überzeugt: Der grösste Wandel im Finance-Tech der letzten Dekade ist nicht KI, nicht Mobile, nicht die nächste schönere Benutzeroberfläche. Es ist das Ökosystem-Denken. Plattform-Ökosysteme wachsen laut Gartner doppelt so schnell wie Einzelprodukte. Wer diese Entwicklung noch als Nebenschauplatz einordnet, unterschätzt, was gerade im CFO-Bereich passiert.

Denn im Kern geht es um eine einfache Frage: Wollen Sie weiterhin Software einkaufen - oder endlich ein funktionierendes Finanzsystem aufbauen?

Viele CFOs im DACH-Raum arbeiten noch immer in einer Landschaft, die historisch gewachsen ist, aber operativ teuer geworden ist. Das ERP läuft sauber. Die Reisekostenlösung ist irgendwie angebunden. Die Firmenkarten kommen von einem anderen Anbieter. Die Buchungsdaten landen verzögert in DATEV, Abacus oder Bexio. Der Treuhänder erhält am Monatsende Pakete, die intern zuerst manuell bereinigt wurden. Auf dem Papier ist alles digital. In der Praxis bewegt sich zu viel per Export, Upload und Improvisation.

Genau dort entsteht der eigentliche Schaden. Nicht bei den Lizenzkosten, sondern zwischen den Systemen. Im Aufwand für Rückfragen. In Medienbrüchen. In fehlender Transparenz, wenn Ausgaben zwar erfasst, aber nicht intelligent verknüpft werden. Ich habe in den letzten Monaten mehrere Gespräche mit CFOs aus der Schweiz und aus Süddeutschland geführt, die mir sinngemäss dasselbe gesagt haben: Wir haben kein Tool-Problem. Wir haben ein Zusammenspiel-Problem.

Und das ist der Punkt. Ein Finance Tech Ökosystem ist nicht einfach eine Sammlung von Partnerlogos auf einer Website. Ein echtes Ökosystem verbindet Prozesse, Verantwortlichkeiten und Daten in einer Weise, die im Alltag spürbar ist.

Wenn etwa eine Reisebuchung ausgelost wird, sollten die Informationen nicht erst Tage später in der Spesenverarbeitung auftauchen. Sie sollten sofort dort sein. Wenn eine Zahlung mit Firmenkarte erfolgt, sollte sie nicht nur verbucht, sondern automatisch gegen Richtlinien, MwSt.-Logik und Kostenstellen geprüft werden. Wenn Treuhänder, Buchhaltung und Fachbereich auf dieselben strukturierten Informationen zugreifen, sinkt nicht nur der Aufwand - die Qualität der Finanzsteuerung steigt.

Genau deshalb sehe ich im Expense-Intelligence-Umfeld besonders deutlich, wie stark sich der Markt verschiebt. Früher war die Frage: Wer hat das bessere Spesentool? Heute ist die viel relevantere Frage: In welches Netzwerk aus Travel, Payment, ERP, Accounting und Compliance passt die Lösung hinein? Oder besser noch: Welche Lösung macht dieses Netzwerk überhaupt erst leistungsfähig?

Im DACH-Raum ist das ein echter Wettbewerbsvorteil. Globale Monolithen sind stark in Skalierung, aber oft schwächer in regionaler Realität. Wer in der Schweiz arbeitet, weiss, dass lokale Anforderungen keine Fussnote sind. Wer in Deutschland mit GoBD, Vorsteuerlogik und DATEV-Workflows arbeitet, braucht keine globale Standardantwort. Wer in Osterreich mit BMD, unterschiedlichen Freigabelogiken und Treuhand-Strukturen zu tun hat, schon gar nicht.

Deshalb glaube ich, dass regionale Ökosysteme den Markt nachhaltiger prägen werden als viele erwarten. Nicht, weil sie kleiner sind, sondern weil sie näher an den tatsächlichen Prozessen gebaut werden. Ein sauber orchestriertes Zusammenspiel aus Expense Intelligence, Karten, Reisebuchung, ERP und Buchhaltung löst im DACH-Mittelstand oft mehr Probleme als ein vermeintliches All-in-one-System, das am Ende doch wieder mit Workarounds betrieben wird.

Für CFOs ändert das die Entscheidungslogik fundamental.

Erstens: Die Tool-Auswahl wird zur Architekturfrage. Ein Produkt kann für sich betrachtet stark sein und trotzdem strategisch die falsche Wahl, wenn es kein belastbares Ökosystem mitbringt.

Zweitens: Integration gehört nicht mehr nur in die IT. Finance muss verstehen, wie Daten durch das Unternehmen fliessen, wo Brüche entstehen und welche Partner diese Brüche wirklich schliessen können.

Drittens: Der Wert eines Anbieters bemisst sich künftig nicht nur an Features, sondern an Anschlussfähigkeit. Wer nicht offen, API-first und partnerfähig arbeitet, wird in den kommenden 12 Monaten zunehmend aus Auswahlprozessen herausfallen.

Ich halte das für eine gesunde Entwicklung. Denn sie verschiebt die Diskussion weg von Produktversprechen und hin zu operativer Wirkung. CFOs brauchen keine zehnte Demo mit bunten Dashboards. Sie brauchen Systeme, die zusammenarbeiten, Ausgabenkontexte verstehen und Finanzdaten in Echtzeit nutzbar machen.

Mein Rat ist deshalb klar: Stellen Sie bei Ihrer nächsten Finance-Tech-Entscheidung nicht zuerst die Frage, was eine Lösung allein kann. Fragen Sie, in welchem Ökosystem sie ihren Wert entfaltet. Fragen Sie, welche Partner bereits integriert sind. Fragen Sie, wie schnell Daten vom Beleg bis ins Hauptbuch gelangen. Und fragen Sie, ob Sie damit nur digitalisieren - oder wirklich intelligenter steuern.

Das Ökosystem-Denken ist kein Modethema. Es ist die neue Grundlage für wirksame Finanzsteuerung. Wer das 2026 noch als technisches Detail behandelt, wird zu viel Geld für Reibung ausgeben - und zu wenig Kontrolle ueber das haben, was im Unternehmen täglich ausgegeben wird.


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